Montag, 20. August 2007

9. Xingiang-Nordost-China; Das Leben in einer Jurte...

...Ziemlich in der Naehe der pakistanischen Grenze im aeussersten Nordwesten Chinas in der Provinz Xingiang am hochgelegenen Karakul lake leben noch einige kirgisische Nomaden wie vor hundert Jahren in ihren Jurten. Der See liegt auf fast 4000 Metern Hoehe und ist umringt von schneebedeckten Berggipfeln. Eine Bilderbuchlandschaft, ich hab hier soviel mit meinen 2 Kameras rumgeknippst, dass ich gar nicht mehr nach Zentralasien reisen muss. Denn hier ist vor Ort! Hier gab es alles in Huelle und Fuelle: Kirgisen, Tadschiken, Usbeken, Yaks, Jurten, alte noch aus kommunistischer Zeit stammende Traktoren, LKWs usw., also alles, was mein retrophil veranlagtes Herz begehrte.

The Karakoram Highway at is best, on the way to Kashgar




















Der Hausvorstand der Jurte serviert das Abendessen



















Kirgisen oder Tadschiken?!
















Lake Karakul












Jurtensiedlung, die erste Jurte war uebrigens die meinige...















Die chinesische Assimilationspolitik und Warenoekonomie waren in diese entlegene Region noch nicht vorgedrungen! Das Zentralkomitee hatte anscheinend mit dem tibetischen Hochland und mit den grossen uigurischen Staedten wie Kashgar genug zu tun. So viele Bagger und Lastwagen schien es selbst im aufstrebenden China nicht zu geben, um das riesige Reich in allen Landesteilen gleichzeitig umzukrempeln! Man liess die kirgisischen Nomaden also noch ein paar Jahre gewaehren. Aber in gut 10-15 Jahren, da bin ich mir sicher, wird das Zentralkomitee in dieser kargen und oeden Hochebene so ne Art Las Vegas errichten, dann die Pakistanis in komfortablen Bussen ueber die nah gelegene Grenze karren um dann ihre unterdrueckten Beduerfnisse wie Alkohol, Sex, gambling und sonstiges zu befriedigen. Wetten dass?!
Zurueck zum Jurtenleben. Ich habe dort einige Tage verbracht, vom Naturerlebnis wie beschrieben fast unschlagbar. Was mich aber wirklich erstaunt hat und nachdenklich stimmte, war das einfache und genuegsame Alltagsleben dieser Nomaden. Ich hatte auf meinen Reisen ja schon viele verschiedene und einfache Lebensweisen kennengelernt, der kirgisische Jurtenalltag sprengte jedoch alle Register. Zum Glueck hatte ich meine Gitarre bei mir! Da es auf 4000 Metern nachts recht kuehl ist, steht man morgens erst so gegen 10 Uhr auf. Pekingtime, die Sonne geht erst sehr spaet auf und gegen 22.00 wird es wieder dunkel. Der Jurtenvorstand, d.h. die Frau des Hauses krabbelte wie selbstverstaendlich am morgen als erstes unter dem warmen Yakfell hervor, waehrend der Ehemann und die Kinder liegenbleiben - noch zu kalt. Sie heizt den zentral in der Jurte stehenden Ofen an und bereitet den typischen salzigen Yakbuttertee zu. Dazu gibt es dann trockenes Fladenbrot, welches man dann in den fettigen Tee taucht. Uebrigens nicht jedermanns Geschmack! Nach solch einem anstrengenden Fruehstuck legte man sich dann erstmal wieder in die Koje und razte noch ein bis zwei Stuendchen, bis der Jurtenvorstand wieder unter dem Yakfell hervorkrabbelte und damit begann das Mittagsmahl zuzubereiten. Sowas konnte dann so um die 2-3 Stunden in Anspruch nehmen. Der Ehemann und die Kinder sind nun auch endlich wach. Der Ehemann oeffnet die Tuer und schreitet mit pruefendem Blick ein oder zweimal um die Jurte und schaut ob alles in Ordnung ist. Dann setzt er sich vor die Jurtentuer, schaut gelassen auf den See und raucht einige Zigaretten und wartet auf das Mittagsessen. Zeit spielte keine Rolle; spezifische Interessen oder sonstige Aktivitaeten schien es im kirgisischen Jurtenalltag nicht zu geben. In den Nachbarjurten verlief das Alltagsleben uebrigens in aehnlicher Weise. Es war endlich soweit, dass Mittagessen war zubereitet. Nach dem Mahl das obligatorische Mittagsschlaefchen. Irgendwann krabbelte dann der Jurtenvorstand wieder unter dem Fell hervor und begann mit der Zubereitung des Abendessens, waehrend der Ehemann sich wieder vor die Jurte setzte und sich die Sonne ins Gesicht scheinen liess. Er sprach einigermassen Englisch, da der gelegentlich vorbeischauende Tourist die finanzielle Haupteinnahme der Familie war. So fragte ich ihn nach seinen Plaenen und Interessen, aber er schien mich nicht richtig zu verstehen zu wollen. Ich bohrte weiter und erinnerte ihn daran, dass es doch erst Nachmittag waere und ob er den noch etwas vorhabe? Ja sagte er, natuerlich, er wartet auf das Abendessen und dann will er zu Bett gehen...um es kurz zu machen, dieser ritualisierte Alltag wiederholte sich die ganzen drei Tage, die ich dort in dieser Jurte verbrachte. Das einzige worum man sich kuemmern musste, waren die Tiere die hoch droben in den Bergen lebten, man hatte einige Yaks und Ziegen, alles zwei Wochen fuhr man mit dem Moped hoch zur Alm und schaute nach ob sich nicht etwa ein Schneeleopard oder aehnliches daran gelabt hatte. So was kam nicht selten vor, so sagte man mir - obwohl ich bisher niemanden getroffen hatte der je einen dieser seltenen Tiere gesehen hatte!
Das ganze Leben dieser Nomaden erinnerte mich ein wenig an einen guten Freund aus meiner Heimat. Man laesst das Leben einfach an sich vorbeiziehen, Zeit spielt keine Rolle, man hat keine Angst etwas zu verpassen und scheint trotzdem zufrieden zu sein?! Auch diese kirgisischen Nomaden schienen zufrieden und gluecklich mit ihrem Dasein, der Begriff Langeweile war ihnen anscheinend fremd, insofern konnten sie sich ja gar nicht langweilen! Alles im Leben ist eben Gewoehnungssache - oder nicht?! Das scheint mir das einzige plausible Erklaerungsmodell, anders kann ich mir mit meinen westlich determiniertem Hirn nicht erklaeren, wie man so ein Leben leben kann!
Wie sagte nochmal Homer Simpson, frei zitiert nach einem guten Freund aus meiner Heimat: "Alles was weiter weg ist von mir als 20 Meter lohnt den Aufwand nicht, zu anstrengend!"


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