Freitag, 10. August 2007

4. Iran - Mari



Mari,
Ich lernte Mari in Masuleh, in den gruenen Bergen im Nordwesten Irans kennen. Sie managte die drei Fremdenzimmer, die ihr Vater vor einigen Jahren errichtete und wenn man so will die Familie mit dem Notwendigsten versorgte. Sie war huebsch, hatte eine froehliche Art, war ledig und unerfahren. Mari sprach wenig Englisch, immer wenn es etwas zu klaeren gab, trug sie bereits das Woerterbuch unterm Arm. Und wenn ich dann so auf meinem kleinen Balkon saß und die Gitarre spielte, lauschte sie andaechtig unten im Hof und nuschelte unentwegt "very very good"! In den wenigen Tagen, die ich hier in diesem kleinen Bergdorf verbrachte, war scheinbar alles immer "very very good". Mein Name, dass ich aus Deutschland kam, die Spagetti, die ich kochte, dass ich keine Kinder hatte und vor allem dass ich nicht verheiratet war - eben einfach alles! Besonders mein MP3 Player hatte es ihr angetan. Die Musik, die sich darauf befand, war schließlich "very very good". Das machte mich dann allerdings doch etwas stutzig, denn eigentlich haette ihr die Musik aus ihrem Kulturverstaendnis heraus nicht gefallen duerfen. Hatten doch schon viele Westeuropäer Probleme mit Gruppen wie Radiohead oder Belle & Sebastian und was sich sonst noch so auf dem Player befand.
Als ich gestern Probleme mit dem Wasserboiler hatte, bat ich sie zu mir in meine Behausung herauf. Während sie mir die Zündvorrichtung erklärte, kam sie mir für iranische Verhältnisse ungewoehnlich nah. Ich hatte das Gefuehl, dass ihr Körper zitterte. Auch mich durchlief ein leichter Schauer. Verlegen zupfte sie ihr Kopftuch zurecht und laechelte mich mit ihren großen schwarzen Augen an. Gab es fuer so etwas im Iran schon die Haftstrafe? Ich wusste es nicht? War da nicht vor einigen Jahren dieser deutsche Geschaeftsmann, der nach einer Affaere mit einer Iranerin nur knapp der Todesstrafe entronnen war?
Dennoch diese recht harmlose Angelegenheit zwang mich zum ernsteren Nachdenken. Ich empfand ploetzlich Mitleid mit Mari und allen iranischen Frauen, die sich schon ab ihren neunten Lebensjahr verschleiern mussten. Und das nur, um das maennliche Geschlecht nicht übermäßig zu strapazieren - so steht es zumindest im Koran?! D.h. keine maennliche Beruehrung, Umarmung oder Kuss bis zur Heirat. Wie sehr befanden sich doch die kulturellen und politischen Regularien der islamischen Welt im Widerspruch zum menschlichen Trieb oder nennen wir es einfach zur menschlichen Natur! Wenn man so will nichts anderes als eine akzeptierte Form der Freiheitsberaubung.
Die kleine Mari war ja immerhin schon 23 Jahre alt, d.h. spaetestens seit ihren 16. Lebensjahr spuerte sie eine Form des Verlangens ohne eine Moeglichkeit der Erwiderung zu erhalten - ich gehe mal einfach davon aus das Verlangen hierzulande nicht anders geartet sein duerfte als bei uns im Westen?! Oder laesst sich Verlangen auch politisch regulieren? Die kleine Mari wird also bis zu ihrer Heirat ihrer besten Jahre beraubt, und das nur, weil ein gewisser Khomeini das 1979 so festlegte und die politische Elite des Landes dieses Konzept bis heute unveraendert laesst!
Die iranischen Maenner hatten es da schon etwas leichter, obwohl es auch ihnen nicht einfach gemacht wurde. Die Sittenpolizei hatte ihre Augen schließlich ueberall, damit die Spielregeln des Ayatollas nicht verletzt wurden. Auch wenn es verboten war in den Medien eine Frau ohne Kopftuch abzubilden, hatten fast alle Maenner, die ich bisher kennengelernt habe, 1-2 Sexclips auf ihrem Handy abgespeichert. Diese werden dann gerne prahlerisch unter sich herumgezeigt, naehert sich bei solch einer Zurschaustellung unerwartet ein weibliches Wesen, wird sofort auf den neusten Popschmachtfetzen umgeswitcht. Die Frauen sollten schließlich zuechtig bleiben und nicht verdorben werden! Das Handy verhalf aber der iranischen Gesellschaft zu einer weiteren Nische der Freiheit im ueberregulierten Staat, was den Mullhas gar nicht schmecken konnte. Da es Frauen und Maennern gesetzlich verboten ist, untereinander Kontakt aufzunehmen, wenn sie nicht verheiratet sind, ermoeglichte diese neue technische Erungenschaft immerhin die Moeglichkeit, einem weiblichen Wesen beim Vorbeigehen schnell mal die Telefonnummer rueberzuschieben. Gegen solch eine Technologie waren selbst die wachsamsten Sicherheitorgane machtlos.
Wie in vielen anderen islamischen Laendern gehen die meisten der iranischen jungen Maenner zu Prostituierten, um ihre Unschuld zu verlieren. Hier im wachsamen Iran ist solch ein Besuch bei einer Prostituierten eine ueberaus aufwendige, gefaehrliche und teure Angelegenheit. Er verlangt sorgfaeltige Planung, Organisation und Geschick. Ich habe mir solch ein Unterfangen hier und da mal schildern lassen (im Grunde genommen ne eigene Story wert). Das ganze schien mir so aufwendig und gefaehrlich, dass es mich von der Logistik her an einen Ueberfall auf eine Bankfiliale einer kleineren deutschen Samtgemeinde erinnerte. Aber was tut Mensch nicht alles um seine Instinkten und Trieben zu folgen - und wenn die Obrigkeit noch so wachsam ist!

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