Dienstag, 8. April 2008

34. Gruss aus der kosmischen Verzueckung...







... I am going on a dreadlock holiday, cause i like it! So lautete eine Zeile des groessten Hit der englischen Band 10cc im Jahre 1978. Die dazu gehoerige LP erschien unter dem ironischen Titel: "Bloody Tourists"!




...westlicher Yogaschueler in fortgeschrittener Kamelposition

...Dreadlocks nur auf Termin und Bestellung?!


Ich bin in Rishikesh am Fusse des Himalayas, dort wo der Ganges noch fast verunreinigt ist. Nur 21 km entfernt von Rishikesh liegt eine der heiligsten Staedte Indiens, Haridwar die auch schon mal Schauplatz des wichtigsten hinduistischen Festes war, der Kumbh Mela. Beide Orte sind so heilig, dass Alkohol und Fleisch strengstens verboten sind. Selbst das gute Fruehstucksei fehlt auf jeder Speisekarte. Rishikesh erlangte zum ersten Mal in den spaeten 60er Jahren besondere Aufmerksamkeit in der Weltoeffentlichkeit, als die Beatles den damals beruehmten Maharishi Mahesh Yogi aufzusuchten um sich ein wenig in spirituelles Fahrwasser zu begeben. Der Maharishi ist uebrigens vor wenigen Wochen verschieden, was hier in den indischen Nachrichten zu sehen war.

Ich dachte mir Rishikesh als suendenfreier Raum waere ein gutes Exil fuer mein Dasein. Ich hatte das Gefuehl, meinem Koerper nach den dekadenten Tagen in Suedostasien etwas Geiselung und Selbstkasteiung verordnen zu muessen. Da meine Glieder schon seit jeher etwas steif sind, sollten diese durch einen einwoechigen Yogakurs fuer Anfaenger etwas auf Vordermann gebracht werden.
Da ich mit Religion und Spiritualitaet nicht allzu viel am Hut hatte, suchte ich nach einer eher wissenschaftlich ausgerichteten Yogavariante. Im Vorfeld fragte ich deshalb in einem einschlaegigen Forum um Rat:..."ob mir jemand bitte ein Yogarichtung empfehlen koenne, die tendenziel eher praktisch und weniger spirituell ausgerichtet sei."
Als ich am daraufolgenden Tag ins Forum schaute um die Resonanz abzurufen staunte ich nicht schlecht. Mein Briefkasten war dabei ueberzuquellen! Leider war nicht eine unter den ganzen Antworten dabei, die mir ernsthaft weiterhalf. In einer mail hiess es;..."wenn du nicht glauben willst, dann bleib da wo du bist!". Ein anderer Ratgeber unter dem Pseudonym 'Preacher'?! schrieb mir: "Geh mal lieber ins Fitnessstudio und mach ne Diaet!" Ich wusste gar nicht das spirituelle Menschen so boese sein konnten?!
Aber was war ueberhaupt Spiritualitaet fragte ich mich immer mehr im Zuge meines Vorhabens. Spiritualitaet und religioeser Eifer bedeuteten doch nicht das gleiche - oder? Ich ueberlegte ein wenig. Es musste soviel bedeuten wie Selbstvergeistigung oder vielleicht 'In sich gehen'? Ferner fragte ich mich wer waren diese Spirituellen ueberhaupt? Gehoerten sie nicht zu diesem Menschenschlag, der mit allen Mitteln nach der Glueckseeligkeit suchte ? Diejenigen die gerne an Horoskope glaubten und Tarotkarten legten? Waren es nicht solche Menschen die tendenziell zu Therapien neigten und ihr Glueck staendig im mystischen Umfeld suchten? Die Selbstbezogenen - die immer nur ihr eigenes Glueck vor Augen hatten? Nie die Wahrheit akzeptierten, indem sie immer Andere und Anderes fuer ihr Leiden verantwortlich machten? Diejenigen die nie ankommen weil sie nie zufrieden sind? Ich sollte es bald herausfinden!
Ich hatte mich letztlich fuer Hatha Yoga entschieden. Eine Yogarichtung die ihren Ursprung im 15. Jahrhundert hatte und die angeblich schon Lord Shiva ins Nirvana befoerderte. Das schien mir eine gute Wahl. Das Wort Yoga stammt aus dem "Sanskrit", einer der aeltesten Schriftsprachen unserer Welt, und bedeutet Vereinigung. Damit sind die Verschmelzung verschiedener Elemente gemeint, wie Sonne und der Mond oder Koerper, Seele und Geist. In meinem Ashram gab jeweils am Morgen und am Abend eine Session von 1,5 Stunden, geleitet von Swami Umesh Yogi. Ein gutausehender junger Inder so um die Anfang 30. Ein Yogibeau koennte man sagen. Moechte nicht wissen wieviele westliche Studentinen er schon auf seinem Gewissen hatte?
Yoga bestand aus verschiedenen Asanas (Positionen) die man einnahm und in denen man fuer eine gewisse Zeit verharrte. Jede Asana hatte eine bestimmte Wirkung. Wichtig war dabei, dass die jeweilige Asana bewusst ausgefuehrt wurde und das die Atemtechnik stimmte. Es gab Asanas welche die die Verdauung foerderten, vorbeugend gegen Nervositaet und mentale Schwaeche als auch gegen Angst wirkten. Und da gab es welche die unsere Konzentration staerkten und jawohl es gab sogar Asanas die bei sexuellen Problemen helfen sollten. Kurzum, es gab Asanas gegen Alles und fuer jedes Wehwechen.
Manchmal musste ich wie ein Flamingo auf einem Bein stehen, angereichert mit weiteren schmerzhaften Verrenkungen. War manchmal gar nicht so einfach! Dann gab es die sog. Kamelposition (siehe Bild), die Totenstellung, den Drehsitz usw.. Am meisten Probleme bereitete mir der Lotussitz (verschraenkte Beine mit Gesaess auf dem Boden, Buddhaposition). Leider musste ich schon nach kurzer Zeit feststellen, dass ich mit Abstand der steifeste Bock unter den meist weiblichen Studentinnen war. Ich gab aber nicht auf und konnte nach einer Woche sogar meine Fussspitzen fast mit den Handflaechen beruehren. Am Schluss einer jeden Sitzung murmelte man Mantras vor sich hin, wobei ich mich allerdings in bezug auf meine Authentizitaet etwas zurueckhielt. Nur einmal hab ich mich der westlichen Dekadenz waehrend meines Aufenthaltes in Rishikesh unterworfen. Auf einem indischen Sportkanal zeigte man die Championsleauge Paarung Schalke gegen Barcelona.

Rishikesh war heute sowas wie ein spirituelles Disneyland. Von 'organic food', spirituellen Buechern ueber spirituelle Musik (die alle 15 Meter aus den Boxen der CD Verkaufsstaende droehnte) jeder Art, war alles zu haben. Eine Schlaraffenland fuer den heilsuchenden Westler. Und natuerlich wurde von Yoga bis Reiki - der Ayurwedamassage bis zum Handflaechenlesekurs alles feilgeboten. Spiritualitaet als Ware?!
Die westlichen Pilger hier vor Ort trugen gerne Rot. Man ging gerne Barfuss und gab sich etwas schmutzig und verzottelt. Waehrend in Thailand noch Glatze, Muskeln und Tatoos die Travellerszene dominierten, gab man sich hier vor allem 'hippiefied' und 'freakig'. Ich habe wohl noch nie so viele Dreadlocks auf einem Haufen gesehen wie in Rishikesh. In Sachen Dreadlockdichte koennte wahrscheinlich hier nicht mal good old Kingston town auf Jamaika mithalten.
Jeder Ort hat eben seine eigene Mode. Da haben wir Menschen schon etwas Amphibienhaftes an uns, indem wir uns immer wieder neu unserer Umgebung bzw. unserem Umfeld anpassen. Quasi eine Art Metamorphose an einen neuen Lebensraum - wenn auch nur temporaer: Der St. Paulianer traegt mit Vorliebe schwarz. Der Spirituelle hingegen eher rot. Die Militanten lieben es gefleckt. Der brave Oeko bevorzugt Birkenstock's und Wollpullover. Der Kiffer in Indien zwirbelte unentwegt an seinen Dreads, waehrend die Reichen in Monaco zu italienischen Designerlabel's wie Prada und Gucci tendierten. Mode und Dresscodes werden zur Kirche der Gesinnung! So ungefaehr wie mit 14 in der Pause auf dem Schulhof. Man rauchte, selbst wenn es einem nicht schmeckte. Man wollte dazugehoeren, so eine Art Gruppenzwang!
Wie formulierte es nochmal dieser franzoesische Philosoph in den 60er Jahren, dessen Name mir gerade nicht einfaellt. "Die Menschen denken nicht, sondern werden vielmehr gedacht!" Ich meiner Selbst natuerlich auch - um den aufsteigenden Blutdruck der Gutmenschen zu senken!
Zwischen dem heiligen Haridwar und Rishikesh lag auf halber Strecke der Ort 'Midway'. Ein Suendenbabel! Dort gab es Fleisch und Alkohol in Huelle und Fuelle. Es ist dort immer maechtig was los. Aber anscheinend mussten auch mal die geschlauchten Haridwaner und Rishikaner gelegentlich mal ihren Brummkreisel anschmeissen...Ohhm Hare Krishna Ohhm


Montag, 7. April 2008

33. Strawberry Fields Forever

Blick von einer der Mediatationszellen ueber den Ganges


Zelle Nr. 9, angeblich die Wohnstaedte von John Lennon nach Aussage einer der Waechter. Eine sehr junge Amerikanerin die ich dort mit ihrer Mutter traf war sich ganz sicher, dass dies Bestand hatte. Sie murmelte etwas von 999, Revolution und White Album. Ich hatte eher das Gefuehl das uns der Waechter nicht mal verstanden hatte!








Hier hatte man wohl noch nicht aufgeraeumt! Folgende Dokumente konnte ich aus dem Gewuehl herausfischen. Auch eine von Maeusen zerfressene Zeitung aus dem Jahre 1955 war dabei. Ein Autogramm von einem der Fab Four, was mich vielleicht reich gemacht haette konnte ich leider nicht aufspueren...




...ein Ashramfaltblatt mit dem Konterfei des Maharishi

.. wenn das mit der Zelle 9 stimmt, duerfte das das Klo von Mr. Lennon gewesen sein!


"...living is easy with eyes closed, misunderstanding all you see...", lautet eine Zeile in einem der bekanntesten Lennon songs. Was hat er bloss damit gemeint? Es war bereits spaeter Nachmittag und ich war auf dem Weg zum Maharishi Ashram, in welchem die Beatles sich Ende der 60er Jahre fuer zwei Monate einquartierten um in spirituelle Verzueckung zu gelangen. Auch Donovan der englische Folksinger und einige andere Zeitgeister waren mit von der Partie. Der Swarg Ashram lag im Westen von Rishikesh, direkt am Ganges und war schon seit mehr als 20 Jahren nicht mehr in Betrieb. Er moderte so vor sich hin und niemand schien sich so recht um dessen Erhalt zu kuemmern. Nach einem laengerem Marsch konnte ich von weitem die Tore des recht grosszuegig angelegten Areal erblicken. Sie schienen verschlossen und zwei weibliche Wesen standen davor und debatierten aufgeregt mit dem Waechter. Ich gesellte mich zu den beiden und lauschte. Eine magere in die Jahre gekommene Hippebraut und ein junges Ding mit Dreads waren schwer am verhandeln. Es ging um Bakshish, der indische Begriff fuer Schmiergeld. Der Waechter meinte es waere strengstens verboten das Gelaende zu betreten, aber fuer 20 Rupien (ca. 30 cents) wuerde er eine Ausnahmen machen. Solche Angebote sind nichts unuebliches in Indien und sind Teil des indischen Alltags. Fuer alles zahlt man Bakshish in Indien. Fuer einen guten Job bei den Behoerden oder z.B. bei einer Bank. Wenn man sein Moped oder sein Auto anmelden wollte oder auch schon wenn man einen Platz in einem der offiziell voll besetzten Zug zu ergattern versuchte.
Die Hippiebraut versuchte in schlechtem Hindi das Bakshish auf 10 Rupien pro Person zu druecken. Ich partizipierte mit dem Duo, und schmiss auch einige Geldbetraege auf Hindi in die Runde der Verhandlung. Der Waechter, ein netter schlitzohriger Kerl lies sich aber nicht erweichen. Auch die beiden Weibsbilder blieben hartnaeckig und fingen mich mit ihrer unhoeflichen und geizigen Art an zu nerven. Ich verspuerte immer weniger Lusst zum handeln, ausserdem handelte es sich ehh nur um 15 cents. Ploetzlich fragte die Aeltere der beiden die Juengere - zu meinem erstaunen in Schwitzerdeutsch: "Sag mal du warst doch schon mal da, gibts da drin ueberhaupt was zum sehen, oder wollen wir das Geld net lieber sparen". Die Juengere erwiderte "nee zu sehen geb's da eigentlich nicht viel. Aber man koennte sich ja auf einen der Tempel setzen und Ohhm Shanti Ohhm singen?! Als ich das hoerte waere ich beinahe bewustlos geworden, erholte mich aber binnen weniger Sekunden wieder. Es war Zeit aus der kleinen konspirativen Gruppe auszusteigen. Ich griff reflexartig in meine Hosentasche und flippte dem Waechter durchs Tor einen 20 Rupienschein zu. Er oeffnette seine Pforte, laechelte verschmitzt und geweahrte mir Einlass. Die Hippiebraut warf mir noch einen letzten boesen Blick zu, ich grinste zureuck und befand mich auf einem Stueck heiligem Boden der Popkulturgeschichte. 48 Songs sollen die Beatles seinerzeit waehrend ihres Aufenthalts in Rishikesh geschrieben haben. Viele davon landeten spaeter auf dem sog. 'White Album'. Die Fabs mit ihren Frauen verbrachten bis zu 10 Wochen im Ashram. Nur Ringo und seine damahlige Frau Maureen verliesen Rishikesch schon nach 10 Tagen. Der Drummer der Pilzkoepfe vertrug angeblich die vegetarische scharfe Kost nicht und Maureen hatte Probleme mit den vielen Insekten im Ashram. Nach 10 Wochen haben dann auch John und George, die letzten der Fab's den Ashram verlassen. Der Maharishi versuchte sich an einer der Frauen zu vergreifen und schien auch immer geldgieriger zu werden. Lennon schrieb diesbezueglich kurz vor Abreise, waehrend die Koffer quasi schon gepackt waren, seinen letzten Song in Indien. Als Pseudonym fuer den Maharishi verwendete auf draengen von Geroge Harrison die Umschreibung "Sexy Sadie"; in einer Zeile heisst es..."look what you have done, you' ve made a fool of everyone...".

32. No alarms and no surprises!




Seit nunmehr 3 Wochen bin ich nun wieder in Indien unterwegs. Ich hatte keine besonderen Plaene - nur mal nach dem rechten schauen. Schauen was sich veraendert hat, nach meiner fast 5- jaehriger Abwesenheit. Eigentlich bin ich fest davon ausgegangen, dass mein Visumantrag in Medan nach der Namensverwechslung bei den indischen Behoerden (oder was auch immer es war) abgelehnt wird. Aber an diesem schwuelen Morgen in der Hauptstadt Sumatras hab ich mir gedacht ich investiere einfach mal 60 US$. Und falls das Visum abgelehnt wird, hab ich ebend 60 US$ in den Sand gesetzt. Der indische Diplomat im Medaner Konsulat schaute skeptisch in meinen Passport der mittlerweile so voller Stempel ist, dass kaum noch Platz fuer weitere Visa ist. Er runzelte die Stirn, schaute mich ernst an und meinte: "you travel a lot, do you?", ohh and you have been in Iran and Pakistan as well?" mmh. And i also read on you application form you have been in India many times...what are you doing always there?" Nun ja um es kurz zu machen trotz seiner mir nicht ungeleaufigen Fragen, faxte er mein Reisedokument zur weiteren Ueberpruefung nach Hamburg. Da ich eigentlich wie gesagt nicht davon ausgegangen bin Erfolg zu haben, war ich umso erstaunter als ich 2 Wochen spaeter das Visum in meinen Pass eingeklebt bekam! Die Inder werden immer skeptischer und aengstlicher im Umgang mit Touristen. Angeblich Terrorgefahr? In meinem Guesthouse in Delhi wurde ich erstmal mit einer an der Rezeption fest installierten Kamera abgelichtet. Ins Internetcafe geht es z. Zt. nur mit dem Passport und alles wird notiert.
Indien ist immer noch genau so verueckt und chaotisch wie es von jeher gewesen ist! Und wahrscheinlich wird sich dies auch in absehbarer Zukunft nicht veraendern. Zu tief ist die Kultur verwurzelt in ihrem historischen Habitus, in ihrer Goetterwelt und ihrem Kastensystem. Der Inder kennt keine Scheu nach unserem westlichem Verstaendnis. Er fragt direkt und ohne Umwege. Bist du verheiratet, wieviele Kinder hasst du oder auch fuer uns scheinbar unwichtige Dinge wie den Vornamen des Vaters. Ein Inder kann dich eine Stunde lang mit seinem Blick taxieren, ohne dabei aus dem Ruder zu geraten. Da war ich nun schon fast 10 Monate unterwegs, ohne dabei im geringsten Probleme mit meiner Verdauung zu haben. Ich dachte, dass ich mittlerweile ueber eine Art Pferdemagen verfuegte. Dennoch, trotz groesster Vorsichtsmassnahmen hatte ich nach drei Tagen auf dem Subkontinent die Scheisserei. Kurz nachdem ich sie los war, folgte wenige Tage spaeter die zweite Rache Montezumas. Dies hatte sich auf jeden Fall nicht veraendert. Der Inder rezepiert in seiner chaotischen verdreckten Umwelt, Hygiene und Sauberkeit in a different way - um es galant auszudruecken. Einmal gab mir ein Reisender den Tip, wenn du mal wirklich richtig gut und sauber essen willst in einem Restaurant, schau erst auf die Toilette und erst dann in die Speisekarte! Auch die ewige Draengelei ist geblieben. Der Inder kann sich nicht anstellen, sich nicht in eine Schlange einreihen. Er ist es nicht gewohnt! Und wenn es einer von ihnen versucht, hat er schnell das Nachsehen, den ein anderer wird sich nicht an die Regel halten und sich vor ihn draengeln. Wenn ein Bus ankommt steigen die Leute gleichzeitig ein und aus, was zu grossen Komplikationen fuehrt und vor allem vielmehr Zeit in Anspruch nimmt. Aber wer nicht draengelt bekommt keinen Platz. Ein Teufelskreislauf - an dem wir Touristen aus beschriebenen Gruenden partizipieren muessen, wenn wir nicht auf der Strecke bleiben wollen. Was auch immer wieder faszinierend fuer mich ist, ist die Tatsache das die indische Oberschicht Englisch untereinander spricht. Wenn man z. B. in ein besseres Restaurant geht, wird man schnell feststellen das die Inder, selbst wenn sie aus der einen und gleichen Familie sind, sich nicht in ihrer angestammten Spache unterhalten, sondern auf Englisch. Um den gesellschaftlichen Stand zu untermauern! Diese Form von Abgrenzung scheint nach offizieller Abschaffung des Kastensystems an Bedeutung gewonnen zu haben.
Ein hartnaeckiger Schlepper versuchte mich kurz nach meiner Ankunft in Kalkutta in seinen Shop zu lotzen. "In my shop have very nice indian clothes..." versprach er mir "...everything you want, especialy cheap for you!" Ich sagte ihm ich bevorzugte doch eher meine westliche Kleidung. "No Baba (Freund/Hindi) no no, now in India is different. Western people turning into indian clothes, and indian people turning into western clothes!". Wie recht er hatte, ich musste schmunzeln und suchte das Weite. Ich wurde durch die Worte des Schleppers etwas zum nachdenken angeregt, waehrend ich mich durch die Menschenmenge der bengalischen Millionenstadt draengelte. Das Westler gerne eine Metamorphose durchleben waehrend sie sich in Laendern wie Indien befinden ist kein neues Phaenomen. Aber wie der Schlepper es schon andeutete, die Metamorphose drehte sich um. In Indien werden fast ausschliesslich hellhaeutige Inder in der Werbung benutzt. Bleichcremes sind insofern in Indien wie auch in anderen Teilen Asiens der grosse Renner, um dem westlichen Ideal naeherzukommen. Auffaellig ist, dass wer hellhaeutig ist in der Regel ueber einen hoeheren Lebensstandard verfuegt. Je heller der Taint, desto reicher ist man - so hat man das Gefuehl. Und das soll wohl auch die Botschaft des Bleichprozesses sein! Aber der Trend zu einer westlichen Physiognomie ist nicht nur ein indisches Phaenomen. In Thailand lassen sich so gut wie alle Frauen die etwas auf sich halten und ueber genuegend Geld verfuegen die Nase operieren. In der thailaendischen Werbung und den Filmen gibt es fast auschliesslich nur operierte Gesichter zu sehen. Und ein suedasiatisches Gesicht wird durch eine westliche Nase enorm veraendert. Wahrscheinlich ist die Nase der aufaelligste Bestandteil des Gesichts einer jeden Ethnie. Ihr hervorstechendstes Unterscheidungsmerkmal?! Dieser Trend hat ueebrigens auch im ehemaligen Persien Konjunktur. Teheran ist nicht nur die Hauptstadt der Axis of Evil, sondern soll auch die Hauptstadt der Nasenoperationen sein. Man zeigt dort stolz den Verband der noch frischen Wunde. Bei uns im Westen wuerde man sich wahrscheinlich erstmal 3 Wochen verstecken oder nach Malle fliegen. Oder vielleicht sogar einen Unfall vorteauschen! Da haben uns die Iraner, wenn man so will doch etwas voraus.